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Kurzantwort: „Morgenstund hat Gold im Mund“ bedeutet: Wer früh aufsteht und morgens mit der Arbeit beginnt, schafft mehr und erreicht mehr. Das Sprichwort ist in dieser Form seit 1585 belegt, ältere Fassungen sprachen von Arbeit oder Brot im Mund. Nach der heute anerkannten Erklärung ist es eine Lehnübersetzung des lateinischen Humanistenspruchs „Aurora Musis amica“, „die Morgenstunde ist die Freundin der Musen“, den Erasmus von Rotterdam 1497 in einem Brief verwendete. Das Bild dahinter ist die Morgenröte, die Gold im Mund trägt.
Kein deutsches Sprichwort wird so oft zitiert, so oft verballhornt und so oft in der Werbung benutzt wie dieses. Der Sprichwortforscher Wolfgang Mieder hat ihm 1997 ein ganzes Buch gewidmet und nennt es das populärste deutschsprachige Sprichwort. Der Redensarten-Index stuft es mit der Häufigkeit 6 von 7 ein.
Trotzdem ist die Herkunft lange umstritten gewesen. Über hundert Jahre haben Sprachforscher darüber gestritten, was das Gold im Mund eigentlich soll. Dieser Text zeigt die Belege, die Theorien und die Erklärung, die sich durchgesetzt hat.
Was das Sprichwort bedeutet
Der Redensarten-Index erklärt: Der Morgen ist die beste Zeit, um eine Arbeit zu beginnen; wer frühmorgens anfängt, schafft mehr. Wikipedia formuliert es ähnlich: Frühes Aufstehen lohne sich, weil es sich am Morgen gut arbeiten lasse und Frühaufsteher mehr erreichten.
Der Satz ist eine Ermahnung, oft an Kinder und Langschläfer gerichtet, und zugleich eine Rechtfertigung: Wer um sechs Uhr im Büro sitzt, zitiert ihn gern. Läden nutzen ihn für frühe Öffnungszeiten, Märkte für Frühaufsteher-Rabatte. Die Beispiele im Redensarten-Index reichen vom Morgenmagazin eines Regionalsenders bis zum Markt, der seine Schnäppchen in der Frühe verspricht.
Die ältesten Belege
Der Redensarten-Index zeichnet die Entwicklung mit drei Belegen nach. 1570 schreibt Andreas Gartner in seiner Sammlung „Proverbialia Dicteria“: „die Morgenstund hat die Arbeyt im Mund“. 1585 steht das Sprichwort in Michael Neanders Sprichwörtersammlung schon im heutigen Wortlaut. 1642 übersetzt Georg Philipp Harsdörffer in seinen „Frauenzimmer Gesprächspielen“ den lateinischen Spruch „Aurora Musis amica“ mit „Die Morgenstund hat Gold im Mund“.
Wikipedia ergänzt einen vierten: Georg Seybold notierte 1669 beide Sprüche nebeneinander, „Aurora Musis amica, Die Morgenstund hat das Brod im Mund. Morgens studiert man am besten.“ Laut dem Sprichwortforscher Wolfgang Mieder hieß es im 16. Jahrhundert ursprünglich „Morgenstund hat Brot im Mund“. Im 16. und 17. Jahrhundert stand also neben dem Gold oft Arbeit, Brot oder Gott.
Woher das Gold im Mund kommt
Die Frage klingt einfach und hat drei Generationen von Forschern beschäftigt. Wikipedia fasst die Debatte zusammen.
Theorie 1: Geld im Mund und nordische Götter
Wilhelm Wackernagel versuchte 1848 eine Herleitung aus einem angeblichen Brauch, Geld in der Mundhöhle aufzubewahren, für den es keinen Beleg gibt. Andere dachten an die goldenen Zähne des Gottes Heimdall aus der germanischen Mythologie. Beides gilt heute als Fantasie.
Theorie 2: Mund heißt Hand
Robert Geete entdeckte 1881 die altnordische Fassung „Morgunstund hefir gull i mund“. Darin steht „mund“ für die Hand, wie im althochdeutschen „munt“, das noch in „Vormund“ steckt; mit der Mundhöhle hat es nichts zu tun. Die Morgenstunde hätte demnach Gold in der Hand. Diese Erklärung war lange die vorherrschende.
Theorie 3: Ein Schulmeisterwitz
Alfred Götze bezweifelte eine Entstehung vor dem 16. Jahrhundert, weil ihm Belege aus den frühen Sammlungen fehlten; damit wackelte auch die altnordische Herleitung. Er brachte es mit dem lateinischen „aurora musis amica“ in Verbindung, folgte dann aber der Vermutung, ein Schulmeister habe damit drei lateinische Vokabeln eingeprägt: aurora, aurum, in ore, also Morgenröte, Gold, im Mund. Lutz Röhrich vertrat diese These noch 1973.
Theorie 4: Übersetzung aus dem Humanistenlatein
Richard Jente zeigte, dass es für den Schulmeisterwitz keinerlei Beleg gibt. Übrig bleibt „Aurora Musis amica“ als Vorlage, den Beleg bei Seybold 1669 und die Übersetzung bei Harsdörffer 1642 als Brücke. Archer Taylor fand die früheste Verwendung des lateinischen Spruchs in einem Brief, den Erasmus von Rotterdam 1497 an Christian Northoff schrieb. Diese Herleitung gilt laut Wikipedia heute als die am ehesten konsensfähige. Das Gold gehört zur Morgenröte, der Göttin Aurora, die es in Haar und Mund trägt.
Warum das Sprichwort so bekannt ist
Echte Popularität erreichte der Satz laut Mieder erst im 19. Jahrhundert, durch den Schulunterricht und die Werbung. Seitdem gehört er in fast jeder germanischen Sprache zum Bestand: Isländisch, Schwedisch, Norwegisch, Niederländisch, Englisch, sogar im Ungarischen gibt es ihn. Die Niederländer sagen „De morgenstond heeft goud in de mond“, die Engländer greifen meist zum Vogel: „The early bird catches the worm.“
Bertolt Brecht drehte den Spruch 1932 um. In einem Vierzeiler verknüpfte er ihn mit dem Bibelwort, dass nicht essen soll, wer nicht arbeitet, und machte daraus Sozialkritik: Die Morgenstunde des Armen hat für den Reichen Gold im Mund. Auch die vielen Verballhornungen leben davon, dass jeder die Vorlage kennt.
Wie du das Sprichwort richtig schreibst
Beide Formen sind korrekt: „Morgenstund hat Gold im Mund“ mit der verkürzten Endung, wie es im Reim üblich ist, und „Morgenstunde hat Gold im Munde“, wie es das Wiktionary als Stichwort führt. Die Kurzform ist im Alltag häufiger. Ein Komma braucht der Satz nicht, ein Ausrufezeichen nur, wenn du jemanden wecken willst.
Häufige Fragen
Was bedeutet „Morgenstund hat Gold im Mund“?
Wer früh aufsteht und morgens anfängt, arbeitet besser und schafft mehr.
Woher kommt „Morgenstund hat Gold im Mund“?
Wahrscheinlich aus dem lateinischen Humanistenspruch „Aurora Musis amica“, den Harsdörffer 1642 so übersetzte. Erasmus verwendete den lateinischen Satz schon 1497.
Seit wann gibt es das Sprichwort auf Deutsch?
Im heutigen Wortlaut seit 1585 bei Michael Neander. 1570 hieß es bei Gartner noch „hat die Arbeit im Mund“.
Was hat das Gold im Mund zu bedeuten?
Nach der heute anerkannten Erklärung das Bild der Morgenröte Aurora, die Gold in Haar und Mund trägt. Die Deutung „Mund gleich Hand“ aus dem Altnordischen war lange verbreitet, gilt aber als überholt.
Wie heißt das Sprichwort auf Englisch?
„The early bird catches the worm.“ Eine wörtliche Entsprechung mit Gold gibt es im Niederländischen: „De morgenstond heeft goud in de mond.“
Heißt es „Morgenstund“ oder „Morgenstunde“?
Beides. „Morgenstund hat Gold im Mund“ ist die häufigere Reimform, „Morgenstunde hat Gold im Munde“ die ausgeschriebene.
Quellen
- Wikipedia — Morgenstund hat Gold im Mund: Etymologie und Forschungsgeschichte
- Redensarten-Index — Morgenstund hat Gold im Mund
- Wiktionary — Morgenstunde hat Gold im Munde
Geschrieben von Mira, Redaktion sprichwortatlas.de — sie erklärt hier Redewendungen, ihre Herkunft und ihren Gebrauch.







