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Sprichwort „Jedem das Seine“: Herkunft, Bedeutung, Missbrauch

Aktualisiert am 24.09.2026 · Lesezeit 5 Min.

Kurzantwort: „Jedem das Seine“ übersetzt das lateinische „suum cuique“ und bedeutet ursprünglich: Jeder soll bekommen, was ihm zusteht. Der Grundsatz stammt aus der griechischen Philosophie und dem römischen Recht, war ab 1701 die Devise des preußischen Schwarzen Adlerordens und wurde 1938 von der SS in das Tor des Konzentrationslagers Buchenwald geschmiedet, lesbar von innen für die Häftlinge. Im Alltag meint der Satz heute meist „jeder nach seinem Geschmack“. Wegen der Buchenwald-Inschrift gilt er in Deutschland als belastet; mehrere Werbekampagnen mit dem Spruch wurden nach Protesten zurückgezogen.

Kaum ein deutscher Spruch hat eine so lange und so gebrochene Geschichte. „Jedem das Seine“ steht am Zaun von Schloss Charlottenburg, an der Tür des Basler Rathauses und im Abzeichen der Feldjäger der Bundeswehr. Derselbe Satz stand über dem Appellplatz von Buchenwald.

Dieser Text geht die Stationen durch: die Antike, das römische Recht, Preußen, den Missbrauch durch die Nationalsozialisten und die Debatten seit den 1990er-Jahren. Am Ende steht die praktische Frage, ob und wie man den Satz heute noch benutzen kann.

Was „Jedem das Seine“ bedeutet

Das Wiktionary nennt zwei Bedeutungen. Erstens: Alle erhalten das, was sie verdienen, im Guten wie im Schlechten. Zweitens: Alle sollen tun, wählen und bevorzugen, was sie möchten. Die zweite Bedeutung ist im Alltag die häufigere. Wer sagt „Ich mag keinen Jazz, aber jedem das Seine“, meint Toleranz gegenüber fremdem Geschmack.

Der Redensarten-Index führt die Ableitung „jedem das Seine lassen“ mit der Bedeutung „jemandem seine Vorlieben und Interessen zugestehen, etwas tolerieren“. Er zitiert eine Religionslehre von 1834, in der die Formel noch auf den Besitz zielte: niemanden durch Raub, Diebstahl und Betrug schädigen. Die heutige Bedeutung „Toleranz gegenüber Eigenheiten und Vorlieben“ ist laut Redensarten-Index jünger.

Die Herkunft: Platon, Cicero, Ulpian

Laut Wikipedia geht der Grundsatz auf Platon zurück. In der „Politeia“ beschreibt er Gerechtigkeit als Zustand, in dem jeder das Seine tut und niemandem das Seine genommen wird. Aristoteles baute daraus im fünften Buch der Nikomachischen Ethik die Lehre der Verteilungsgerechtigkeit: Jeder erhält im Verhältnis zu dem, was ihm zukommt.

Ins Lateinische brachte es Cicero. In „De officiis“ nennt er als Aufgabe der Gemeinschaft, „einem jeden das Seine zukommen zu lassen“. Der römische Jurist Ulpian formulierte im dritten Jahrhundert den Satz, der später an den Anfang der Digesten und der Institutionen Justinians gestellt wurde: Gerechtigkeit sei der beständige Wille, „jedem sein Recht zukommen zu lassen“, auf Latein „suum cuique tribuere“.

Preußen und die Bundeswehr

1701 stiftete Friedrich I. den Schwarzen Adlerorden, den höchsten Orden Preußens, und gab ihm die Devise „Suum cuique“. Von dort wurde der Satz zum preußischen Staatsmotto und findet sich laut Wikipedia an Schlössern, Rathäusern und Gerichten.

In der Bundeswehr trägt die Feldjägertruppe, die Militärpolizei, das Motto bis heute im Barettabzeichen. Im Juni 2022 kündigte das Verteidigungsministerium eine Prüfung an, ob das Motto noch tragbar sei. Im September 2022 entschied es, das Abzeichen zu behalten: Es handele sich um einen aus der Antike überlieferten Rechtsgrundsatz.

Der Missbrauch: das Tor von Buchenwald

1937 errichtete die SS das Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar. Anfang 1938 ließ Lagerkommandant Karl Otto Koch den Schriftzug „Jedem das Seine“ in das schmiedeeiserne Haupttor einarbeiten. Den Entwurf zeichnete Franz Ehrlich, ein Bauhausschüler, der selbst als politischer Häftling im Lager saß.

Zwei Dinge machen die Inschrift besonders. Andere Lager wie Dachau, Sachsenhausen oder Auschwitz trugen „Arbeit macht frei“ am Tor. Und der Buchenwalder Schriftzug war von innen lesbar, vom Appellplatz aus. Er richtete sich direkt an die Gefangenen. Wikipedia beschreibt die Aussage als eindeutig: Jeder bekomme, was ihm nach der Logik der Täter zustehe. Der Gerechtigkeitsgrundsatz wurde so zur Verhöhnung der Opfer.

Die Debatte seit den 1990er-Jahren

Nach 1945 blieb der Missbrauch in Westdeutschland lange wenig beachtet. Bücher, Filme und Theaterstücke trugen den Titel ohne Anstoß. In der DDR machte die SED die Buchenwalder Inschrift dagegen allgemein bekannt.

Ende der 1990er-Jahre änderte sich das. 1998 verurteilte das Amtsgericht Neuwied den Autor Trutz Hardo wegen Volksverhetzung, weil er in einem Roman mit dem Titel „Jedem das Seine“ den Holocaust als Wirkung eines „Karmagesetzes“ rechtfertigte. Im selben Jahr warb Nokia mit dem Spruch für austauschbare Handygehäuse; nach Protesten des American Jewish Committee wurden die Plakate mit „Was ihr wollt“ überklebt.

2009 folgten weitere Rückzieher: die Schüler-Union der CDU in Nordrhein-Westfalen stoppte eine Kampagne, Austrian Airlines zog ein Werbemotiv zurück, Yahoo geriet mit seiner neuen Startseite in die Kritik. 2015 bis 2017 bestätigten drei Gerichte, dass eine Tätowierung mit der Silhouette von Auschwitz und dem Buchenwald-Schriftzug, öffentlich in einem Schwimmbad gezeigt, als Billigung des Massenmordes strafbar ist; der Träger erhielt acht Monate Freiheitsstrafe.

Kann man den Satz heute noch benutzen?

Strafbar ist die Formel für sich nicht. Sie steht an Rathäusern, in Bachs Kantate „Nur jedem das Seine“ von 1715 und in einem Gedicht Mörikes von 1862. Verboten ist laut den Urteilen, sich die Buchenwalder Bedeutung zu eigen zu machen und damit das NS-Unrecht zu rechtfertigen.

Im Alltag bleibt der Satz trotzdem heikel, weil viele Menschen zuerst an das Tor denken. Auf Plakaten, in Slogans und in Überschriften ist er deshalb riskant, wie die Beispiele zeigen. Wer nur „jeder nach seinem Geschmack“ meint, hat Alternativen: „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“, „Geschmäcker sind verschieden“ oder „Wer nicht will, der hat schon“. Wer den Rechtsgrundsatz meint, sagt am besten „jedem, was ihm zusteht“.

Häufige Fragen

Was bedeutet „Jedem das Seine“?

Ursprünglich: Jeder soll bekommen, was ihm zusteht. Heute meist: Jeder soll tun und mögen, was er will.

Woher kommt „Jedem das Seine“?

Aus der griechischen Philosophie und dem römischen Recht. Platon beschrieb den Gedanken, Cicero und der Jurist Ulpian prägten die lateinische Formel „suum cuique“.

Warum ist „Jedem das Seine“ problematisch?

Weil die SS den Satz 1938 in das Tor des KZ Buchenwald schmieden ließ, lesbar für die Häftlinge. Seit den 1990er-Jahren gilt er deshalb als belastet.

Ist „Jedem das Seine“ verboten?

Nein. Strafbar ist nur, den Satz in der nationalsozialistischen Bedeutung zu verwenden und damit das Unrecht zu billigen, etwa in Verbindung mit KZ-Symbolen.

Wie lautet „Jedem das Seine“ auf Latein?

„Suum cuique“, in der Fassung Ulpians „suum cuique tribuere“, jedem das Seine zuteilen.

Was kann ich stattdessen sagen?

„Jedem Tierchen sein Pläsierchen“, „Geschmäcker sind verschieden“ oder, im rechtlichen Sinn, „jedem, was ihm zusteht“.

Quellen

Das passt dazu

Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:

Ariane Pohl schreibt fuer sprichwortatlas.de und belegt Regeln mit Woerterbuechern und Fachliteratur.


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