Haare auf den Zähnen haben: Was bedeutet diese Redewendung?

Haare auf den Zähnen: Bedeutung und Herkunft des Sprichworts

Kurzantwort: Wer „Haare auf den Zähnen hat“, ist streitbar, durchsetzungsstark und lässt sich nichts gefallen. Die Wendung wird meist über Frauen gesagt und schwankt zwischen Anerkennung und Abwertung. Sie kommt von der alten Vorstellung, dass starker Haarwuchs Kraft und Männlichkeit bedeutet. Wer sogar an einer haarlosen Stelle wie den Zähnen Haare hat, ist besonders kampfstark. Eine ältere Variante lautet „Haare auf der Zunge haben“ und steht bei Schiller.

„Vorsicht, die hat Haare auf den Zähnen.“ So warnt man vor einer Chefin, einer Nachbarin oder einer Anwältin, mit der man sich besser nicht anlegt. Der Satz klingt wie ein Witz und ist eine ernst gemeinte Einschätzung.

Das Bild ist absurd. Auf Zähnen wachsen keine Haare. Genau diese Unmöglichkeit macht die Übertreibung aus: Wer selbst dort Haare hat, muss vor Kraft strotzen.

Die Wendung hat einen Beigeschmack. Sie sagt viel darüber, wie lange Durchsetzungskraft als männliche Eigenschaft galt.

Was „Haare auf den Zähnen haben“ bedeutet

Wiktionary erklärt die Wendung mit „zäh, robust und hart im Nehmen sein“. Der Redensarten-Index nennt: cholerisch, leicht erregbar, schwer umgänglich, aber auch durchsetzungsfähig. Wikipedia beschreibt sie in der Liste deutscher Redewendungen als „dominant und herrschsüchtig“ und merkt an, dass sie sowohl negativ als auch anerkennend gebraucht wird.

Der Redensarten-Index stuft die Wendung als umgangssprachlich, meist abwertend und meist auf Frauen bezogen ein. Ein Beispiel aus der Presse: „Das weibliche Familienoberhaupt hat Haare auf den Zähnen und macht den Münchener Makler ganz schön zur Schnecke.“ Ein anderes empfiehlt „einen guten Familienrechtler, der Haare auf den Zähnen hat und sich nichts gefallen lässt“. Hier ist die Wendung ein Lob.

Die Herkunft: Haare als Zeichen von Kraft

Die Wendung beruht auf einer alten Vorstellung: Haare bedeuten Stärke. Wiktionary beruft sich auf das Duden-Herkunftswörterbuch: Früher galt starke Behaarung als Zeichen großer Männlichkeit, Kraft und Courage. Hat jemand Haare an Stellen, an denen gewöhnlich keine wachsen, sind diese Eigenschaften besonders ausgeprägt.

Grimms Wörterbuch

Der Redensarten-Index zitiert das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm, Band 10, Spalte 16: „Voller Haarwuchs an Kopf und Bart ist Zeichen der Kraft, und als Mann wird im deutschen Rechte der erkannt, der Haare am Bart, unter den Armen und an den Schamteilen hat.“ Haare entschieden im alten Recht also über die Mündigkeit. Der Index verweist auch auf die Bibel, wo langes Männerhaar Stärke symbolisiert, etwa bei Simson.

Die Übertreibung

Der Schritt zu den Zähnen ist eine ironische Steigerung. Wenn Haare Kraft bedeuten, dann ist jemand mit Haaren an einer unmöglichen Stelle übermäßig kraftvoll. Der Redensarten-Index nennt das eine „häufig ironische Übertreibung“.

Die ältere Form: Haare auf der Zunge

Friedrich Schiller benutzte in seinem Drama „Die Räuber“ von 1781 eine Variante, die heute niemand mehr sagt. Im zweiten Akt heißt es: „Du bist ein entschlossener Kerl – Soldatenherz – Haar auf der Zunge!“ Hier ist die Wendung eindeutig ein Lob, und sie gilt einem Mann. Wiktionary bestätigt, dass es früher auch „Haare auf der Zunge haben“ hieß und die Wendung erst später auf die bissige Art einer Frau bezogen wurde.

Eine Volksetymologie: Haare auf den Zehen

Wiktionary erwähnt eine weitere Erklärung aus einem Buch von 1977: Ursprünglich habe es „Haare auf den Zehen haben“ geheißen, weil Zehenhaare vor allem bei Männern wachsen. Eine Frau mit Haaren auf den Zehen wäre eine „männliche“ Frau. Diese Deutung nennt nur eine Quelle und passt nicht zu Schillers „Haar auf der Zunge“. Sie gilt als Volksetymologie.

Warum die Wendung fast nur Frauen trifft

Bei Schiller hat ein Mann Haar auf der Zunge, und es ist ein Kompliment. Heute hat fast nur eine Frau Haare auf den Zähnen, und es klingt oft wie eine Warnung. Der Redensarten-Index zitiert einen Text, der das Problem benennt: Bestimmte Führungseigenschaften werden an Männern als positiv wahrgenommen, an Frauen als negativ. Die Frage darin: „Welcher Mann hat ‚Haare auf den Zähnen‘, wenn er sich durchzusetzen versteht?“

Wenn du die Wendung benutzt, entscheidet der Ton. Als Anerkennung funktioniert sie: „Unsere Anwältin hat Haare auf den Zähnen, zum Glück.“ Als Abwertung ist sie ein Klischee.

So benutzt du die Redewendung heute

  • „Die neue Abteilungsleiterin hat Haare auf den Zähnen. Bei ihr kommt keiner mit Ausreden durch.“
  • „Meine Oma hatte Haare auf den Zähnen. Selbst der Bürgermeister hatte Respekt vor ihr.“
  • „Nimm einen Makler mit Haaren auf den Zähnen, sonst zahlst du drauf.“

Der Redensarten-Index zeigt auch Beispiele aus Film und Oper: die Streifenpolizistin Shannon Mullins, gespielt von Melissa McCarthy, „von der es heißt, sie habe Haare auf den Zähnen“, und Rosinas Vormund Dr. Bartolo im „Barbier von Sevilla“, der „richtig Haare auf den Zähnen hat“.

Verwandte Redewendungen

Ähnlich gemeint sind „nicht auf den Mund gefallen sein“, „sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen“ und „mit allen Wassern gewaschen sein“. Das Gegenteil: „ein Weichei sein“ oder „sich alles gefallen lassen“. Im Englischen gibt Wiktionary „to have a sharp tongue“ an, im Niederländischen wörtlich „haar op de tanden hebben“.

Häufige Fragen

Was bedeutet „Haare auf den Zähnen haben“?

Streitbar, durchsetzungsstark und schwer umgänglich sein. Je nach Ton Lob oder Abwertung.

Woher kommt die Redewendung?

Von der alten Vorstellung, dass Haare Kraft und Männlichkeit bedeuten. Haare an einer unmöglichen Stelle steigern das ins Absurde.

Seit wann gibt es die Wendung?

Die Variante „Haar auf der Zunge“ steht 1781 in Schillers „Die Räuber“. Die Form mit den Zähnen ist die heute übliche.

Wird die Wendung nur über Frauen gesagt?

Meist, aber nicht nur. Bei Schiller gilt sie einem Mann und ist ein Lob.

Ist „Haare auf den Zähnen“ eine Beleidigung?

Nicht zwingend. Sie kann Respekt ausdrücken. Abwertend wird sie, wenn Durchsetzungskraft bei Frauen als Makel gilt.

Wie heißt das auf Englisch?

„To have a sharp tongue.“

Quellen

Geschrieben von Mira, Redaktion sprichwortatlas.de — sie erklärt hier Redewendungen, ihre Herkunft und ihren Gebrauch.

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