Eulen nach Athen tragen: Was bedeutet diese Redewendung?

Eulen nach Athen tragen: Bedeutung und Herkunft des Sprichworts

Aktualisiert am 24.09.2026 · Lesezeit 5 Min.

Kurzantwort: „Eulen nach Athen tragen“ bedeutet, etwas Überflüssiges zu tun. Du bringst etwas an einen Ort, an dem es davon längst genug gibt. Der Spruch stammt aus der Komödie „Die Vögel“ des griechischen Dichters Aristophanes aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. Die Eule war das Tier der Stadtgöttin Athene und prangte auf den Silbermünzen Athens.

Du erklärst einer Bäckerin, wie man Brot backt. Du schenkst einem Winzer eine Flasche Wein. Du schickst Sand in die Wüste. Für all das gibt es im Deutschen einen Satz, der über 2.400 Jahre alt ist: Du trägst Eulen nach Athen.

Die Redewendung gehört zur Bildungssprache. Sie taucht in Zeitungskommentaren, Reden und Rezensionen auf. Wer sie benutzt, sagt damit: Das hier ist unnötig, das gibt es schon reichlich.

Anders als bei vielen Redewendungen kennen wir hier die Quelle ganz genau. Sie hat einen Autor, ein Werk und sogar eine Versnummer.

Was „Eulen nach Athen tragen“ bedeutet

Der Duden erklärt die Wendung so: einen überflüssigen geistigen Beitrag zu etwas leisten. Der Redensarten-Index fasst es kürzer: Sinnloses tun, Überflüssiges tun.

Meist geht es um Worte, Wissen oder Argumente. Ein Redner, der Fachleuten die Grundlagen ihres Fachs erklärt, trägt Eulen nach Athen. Ein Journalist, der einer Jazzstadt die eigene Big Band vorstellt, ebenso. Der Ton ist leicht ironisch. Der Spruch wertet ab, aber freundlich.

Die Herkunft: Aristophanes und Vers 301

Der athenische Komödiendichter Aristophanes ließ die Wendung in seinem Stück „Die Vögel“ fallen. Das Stück wurde im 5. Jahrhundert v. Chr. aufgeführt. In Vers 301 fliegt eine Eule heran, und eine der beiden Hauptfiguren fragt: „Wer hat eine Eule nach Athen gebracht?“ Im griechischen Original steht „Τίς γλαῦκ’ Ἀθήναζ’ ἤγαγεν;“.

Die Übersetzung von Carl Friedrich Schnitzer und Wilhelm Siegmund Teuffel aus dem Jahr 1854 gibt den Dialog so wieder: „Sieh, die Eule da!“, sagt Pisthetäros. Euelpides antwortet: „Was sagst du? Bringt man Eulen nach Athen?“ Die Kommentierung derselben Ausgabe nennt den Satz ein „Sprüchwort vom unnöthigen Ueberhäufen“ und stellt ihn neben „Getreide nach Aegypten führen“ und „Safran nach Kilikien“.

Aristophanes hat das Bild also nicht erfunden. Er hat ein Sprichwort benutzt, das sein Publikum schon kannte. Ohne seinen Text wäre es trotzdem verloren gegangen.

Warum ausgerechnet Eulen? Drei Erklärungen

Wikipedia führt drei Herleitungen an, die sich nicht ausschließen. Welche davon Aristophanes im Kopf hatte, bleibt offen.

Die Eule lebte auf der Akropolis

Der Steinkauz war im antiken Griechenland ein häufiger Vogel. Er hauste in den Felsspalten der Akropolis. Wer eine Eule nach Athen brachte, brachte einen Vogel dorthin, wo er ohnehin überall saß.

Die Eule der Athene

Die Eule war das Symbol der Göttin Athene, der Schutzgöttin der Stadt. Sie stand für Klugheit, unter anderem, weil sie im Dunkeln sehen kann. Der Duden greift genau diese Deutung auf: Die Eule war als Attribut der weisen Stadtgöttin „schon längst in Athen heimisch“.

Die Eule auf der Münze

Athen prägte seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. Silbermünzen mit dem Kopf der Athene auf der Vorderseite und der Eule auf der Rückseite. Die Athener nannten diese Münzen im Alltag schlicht „Eulen“. Sie waren wegen ihres hohen Silbergehalts in der ganzen antiken Welt geschätzt. Silber nach Athen zu schicken, war überflüssig, denn die Stadt besaß die Minen von Laurion. In Vers 1106 derselben Komödie wünscht Aristophanes seinem Publikum, dass ihm die „Eulen aus dem Laurion“ nie ausgehen mögen.

Wikipedia hält diesen Bezug auf die Münze für naheliegend, weil Aristophanes in seiner Komödie „Die Frösche“ ebenfalls über athenisches Geld spricht. Die Eule blieb übrigens bis zum Euro auf der griechischen Drachme. Heute zeigt die griechische 1-Euro-Münze eine antike Vier-Drachmen-Münze mit Eule.

Von Cicero bis Erasmus: der Weg ins Deutsche

Die Römer übernahmen das Sprichwort als „ululas Athenas“. Cicero verwendete es mehrfach in seinen Briefen, und zwar auf Griechisch. Um 1500 nahm Erasmus von Rotterdam die Wendung in seine Sprichwörtersammlung „Adagia“ auf, mit lateinischer Übersetzung. Über die Gelehrtensprache kam sie ins Deutsche.

Der Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer drehte das Bild 1954 um. Seine ironische Erzählung heißt „Ich trage eine Eule nach Athen“ und erschien in der Zeit.

So benutzt du die Redewendung heute

Die Wendung passt, wenn jemand etwas beisteuert, das schon vorhanden ist. Ein paar Beispiele aus dem Alltag:

  • „Dem Vorstand die Zahlen zu erklären, hieße Eulen nach Athen tragen. Die kennen sie besser als wir.“
  • „Ich könnte dir jetzt sagen, wie gut das Restaurant ist. Aber das wäre, als trüge ich Eulen nach Athen.“
  • „Noch ein Ratgeber zum Thema Zeitmanagement? Das ist Eulen nach Athen tragen.“

Die übliche Form lautet „Eulen nach Athen tragen“. Daneben liest du „Eulen nach Athen bringen“ oder „das hieße Eulen nach Athen tragen“. Alle drei sind gebräuchlich.

Verwandte Sprichwörter in anderen Sprachen

Fast jede Sprache hat ein eigenes Bild für dieselbe Idee. Schon die Griechen sagten auch „Fische zum Hellespont bringen“ oder „Krokodile nach Ägypten bringen“. Im Englischen heißt es „carry coals to Newcastle“, Kohlen in die Kohlestadt. Die Franzosen tragen Wasser an den Fluss. Die Russen fahren mit dem eigenen Samowar nach Tula, wo die Teekocher gebaut werden.

Auch das Deutsche kennt regionale Varianten: „Bier nach München bringen“, „Torf ins Moor tragen“ in Norddeutschland, „Wasser in die Pegnitz schütten“ in Franken, „Wasser in den Rhein tragen“ am Mittelrhein.

Häufige Fragen

Was bedeutet „Eulen nach Athen tragen“ in einem Satz?

Etwas Überflüssiges tun, weil das Gebrachte am Zielort längst reichlich vorhanden ist.

Woher stammt das Sprichwort?

Aus der Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes, Vers 301. Dort fragt eine Figur: „Wer hat eine Eule nach Athen gebracht?“

Warum steht die Eule für Athen?

Sie war das Tier der Stadtgöttin Athene, lebte zahlreich auf der Akropolis und war auf den athenischen Silbermünzen abgebildet.

Ist die Redewendung heute noch üblich?

Ja, vor allem in der Bildungssprache: in Kommentaren, Reden, Rezensionen. Im lockeren Gespräch sagt man eher „das ist doch überflüssig“.

Wie heißt „Eulen nach Athen tragen“ auf Englisch?

„To carry coals to Newcastle“. Newcastle war ein Zentrum des britischen Kohlebergbaus.

Gibt es einen Unterschied zwischen „tragen“ und „bringen“?

Nein. Beide Formen sind gebräuchlich, „tragen“ ist die häufigere.

Quellen

Das passt dazu

Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:

Susanne Bork schreibt fuer sprichwortatlas.de und belegt Regeln mit Woerterbuechern und Fachliteratur.


Nach oben scrollen