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Kurz gesagt: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ wird heute als Aufruf zur Vergeltung verstanden. Ursprünglich war es eine Begrenzung: Die Strafe durfte nicht größer sein als der Schaden. Der Satz stammt aus dem Alten Testament und geht auf noch ältere Rechtstexte zurück.
Kaum ein Satz wird so oft im Gegensinn zitiert.
Woher er stammt
Die Formel findet sich an mehreren Stellen der Hebräischen Bibel, unter anderem im 2. Buch Mose. Sie ist Teil des sogenannten Talionsprinzips – vom lateinischen talis, „ebensolch“.
Ältere Vorläufer stehen im Codex Hammurapi, einer babylonischen Rechtssammlung aus dem 18. Jahrhundert vor Christus. Auch dort geht es um die Zuordnung von Strafe zu Tat.
Warum es eine Begrenzung war
In vorstaatlichen Gesellschaften war Blutrache üblich. Ein Verletzter oder seine Sippe konnte zurückschlagen, so hart es ging – für einen ausgeschlagenen Zahn ein Leben, für eine Verletzung die Auslöschung einer ganzen Familie.
Das Talionsprinzip zog dort eine Grenze: höchstens ein Auge für ein Auge. Die Vergeltung durfte den Schaden nicht übersteigen. Aus der unbegrenzten Rache wurde ein Maß – und damit ein Rechtsprinzip.
In der rabbinischen Auslegung wurde die Formel später ohnehin nicht wörtlich verstanden, sondern als Bemessungsgrundlage für Entschädigungen in Geld.
Die Umdeutung im Neuen Testament
In der Bergpredigt greift Jesus den Satz auf und stellt ihm einen anderen Grundsatz gegenüber: Wer geschlagen werde, solle auch die andere Wange hinhalten.
Durch diese Gegenüberstellung wurde „Auge um Auge“ im christlichen Kontext zum Sinnbild einer als überwunden geltenden Härte – und verlor seine ursprüngliche Funktion als Begrenzung.
Wie er heute gebraucht wird
Meist als Beschreibung einer Eskalationslogik: Jede Seite schlägt zurück, niemand hört auf. Der Satz beschreibt dann genau das, was er verhindern sollte.
Bekannt ist auch die Zuspitzung, die Mahatma Gandhi zugeschrieben wird: Auge um Auge mache am Ende alle blind. Ein Beleg, dass er den Satz so gesagt hat, existiert nicht.
Verwandte Ausdrücke
- Wie du mir, so ich dir – dieselbe Logik, alltagssprachlich
- Gleiches mit Gleichem vergelten – neutraler
- Die andere Wange hinhalten – das Gegenprinzip
- Rache ist süß – ohne jede Begrenzung
Häufige Fragen
Steht der Satz im Alten oder Neuen Testament?
Im Alten Testament. Im Neuen Testament wird er zitiert und ihm ein anderer Grundsatz gegenübergestellt.
Ist es ein Sprichwort oder eine Redewendung?
Ein Sprichwort – es ist ein vollständiger Satz mit einer Aussage über die Welt.
Gilt das Talionsprinzip heute noch?
In modernen Rechtsordnungen nicht. Der Gedanke der Verhältnismäßigkeit von Tat und Strafe ist dagegen bis heute ein tragendes Prinzip.
Quellen
Geschrieben von Bella, Redaktion sprichwortatlas.de — sie schreibt hier über Redewendungen und ihre Herkunft.






