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Kurzantwort: Deutsche Sprichwörter stammen aus mehreren Quellen: der Bibel, antiken Autoren, mittelalterlichen Werken wie Freidanks „Bescheidenheit“ und mündlicher Überlieferung im Volk. Die erste große Sammlung veröffentlichte Sebastian Franck 1541, das umfangreichste Nachschlagewerk lieferte Karl Friedrich Wilhelm Wander zwischen 1867 und 1880 mit rund 250.000 Einträgen. Neue Sprichwörter entstehen bis heute, allerdings seltener als früher.
Sprichwörter wirken oft, als hätte es sie schon immer gegeben. Tatsächlich lässt sich ihre Geschichte über Jahrhunderte zurückverfolgen, von einzelnen Autoren bis zu ganzen Sammelwerken, die bis heute als Nachschlagequelle dienen.
Dieser Text zeichnet die wichtigsten Stationen nach: von den ältesten Quellen über die ersten deutschen Sammlungen bis zur Frage, wie neue Sprichwörter heute entstehen und warum sie seltener werden.
Die ältesten Quellen: Bibel und Antike
Ein großer Teil europäischer Sprichwörter geht auf die Bibel zurück, insbesondere auf das alttestamentliche Buch der Sprüche, das selbst eine Sammlung von Lebensweisheiten ist. Auch antike Autoren wie Erasmus von Rotterdam prägten die Tradition entscheidend: Seine Sammlung „Adagia“, erstmals 1500 veröffentlicht und immer wieder erweitert, versammelte tausende lateinische und griechische Sprichwörter samt Erklärungen und diente späteren deutschen Sammlern als Vorbild. Schon vor Erasmus zitierten mittelalterliche Gelehrte antike Sinnsprüche in ihren eigenen Texten, oft ohne die ursprüngliche Quelle noch zu nennen.
Mittelalter: Freidank und erste deutsche Sammlungen
Im deutschsprachigen Raum zählt Freidanks „Bescheidenheit“ aus dem 13. Jahrhundert zu den frühesten Werken, die sprichwortartige Verse in großer Zahl versammeln. Freidank, ein fahrender Kleriker, der vermutlich 1233 starb, verfasste kurze, lehrhafte Sinnsprüche, die bis in die frühe Neuzeit abgeschrieben und zitiert wurden. Daneben lebten unzählige Sprichwörter zunächst nur mündlich weiter, bevor sie überhaupt schriftlich festgehalten wurden. Handschriften von Freidanks Werk sind in großer Zahl überliefert, was zeigt, wie populär solche Sinnspruchsammlungen im Mittelalter waren, lange bevor der Buchdruck eine breitere Verbreitung ermöglichte.
Sebastian Franck 1541
Einen entscheidenden Schritt markiert Sebastian Franck. 1541 veröffentlichte er in Frankfurt am Main eine Sammlung von fast siebentausend Sprichwörtern, sprichwörtlichen Redensarten und Redewendungen, teils zweisprachig mit lateinischer Vorlage. Franck folgte dabei ausdrücklich dem Konzept von Erasmus’ „Adagia“ und sah in der Kürze alter Spruchweisheiten einen Hinweis auf verborgene Wahrheit. Seine Sammlung gilt als eine der ersten systematischen deutschsprachigen Sprichwortsammlungen überhaupt. Neben den reinen Sprüchen fügte Franck theologisch-philosophische Erläuterungen, historische Beispiele und Fabeln hinzu, sodass sein Werk weit über eine bloße Auflistung hinausging.
Martin Luther und die Bibelübersetzung
Einen eigenen Schub bekam der deutsche Sprichwortschatz durch Martin Luthers Bibelübersetzung, die 1534 vollständig erschien. Luther übersetzte bewusst in eine bildhafte, volksnahe Sprache, wodurch zahlreiche biblische Formulierungen als feste Redewendungen und Sprichwörter ins Deutsche übergingen. Ausdrücke wie „sein Licht nicht unter den Scheffel stellen“ oder „ein Buch mit sieben Siegeln“ gehen auf diese Übersetzungsarbeit zurück und werden bis heute verwendet, oft ohne dass die biblische Herkunft noch bewusst ist. Weil Luthers Bibel über Jahrhunderte in nahezu jedem deutschsprachigen Haushalt mit Kirchenbindung gelesen wurde, verbreiteten sich diese Formulierungen weit über den kirchlichen Rahmen hinaus in die Alltagssprache.
Wander: Das Deutsche Sprichwörter-Lexikon
Das bis heute umfangreichste Werk stammt von Karl Friedrich Wilhelm Wander, einem Pädagogen. Zwischen 1867 und 1880 erschienen fünf Quartbände mit dem Untertitel „Ein Hausschatz für das deutsche Volk“, die rund 250.000 Sprichwörter und Redensarten versammeln, dazu Parallelen aus anderen europäischen und außereuropäischen Sprachen. Wander arbeitete Berichten zufolge jahrzehntelang, etwa von 1830 bis 1880, an der Sammlung; sie gilt bis heute als zentrale Quelle für die Erforschung deutscher Sprichwörter und ist digital unter anderem im Deutschen Textarchiv einsehbar. Der erste Band, der die Buchstaben A bis Go umfasst, erschien 1867 in Leipzig.
Wandel der Bedeutung und neue Sprichwörter heute
Manche Sprichwörter behalten zwar ihren Wortlaut, verändern aber über die Jahrhunderte ihre Bedeutung, weil sich der Alltag dahinter verschiebt. Ein Sprichwort über Handwerk oder Landwirtschaft kann heute übertragen verstanden werden, obwohl die ursprüngliche, wörtliche Situation kaum noch jemand kennt. Sprachforscher rekonstruieren solche Bedeutungsverschiebungen anhand alter Belege in Sammlungen wie der von Wander, die genau dokumentieren, wie ein Sprichwort zu einem bestimmten Zeitpunkt verstanden wurde. Ganz neue Sprichwörter entstehen dagegen seltener als früher, weil die mündliche Weitergabe über Generationen heute mit Büchern, Fernsehen und Internet konkurriert. Trotzdem verbreiten sich gelegentlich neue geflügelte Worte aus Politik, Werbung oder Popkultur, die sich mit der Zeit verfestigen können. Ob ein solcher Ausdruck irgendwann als echtes Sprichwort gilt, entscheidet letztlich, ob er über Jahrzehnte im festen Wortlaut weitergegeben wird. Anders als bei Sprichwörtern lässt sich bei modernen Redewendungen und Zitaten oft noch genau nachvollziehen, wer sie zuerst gesagt oder geschrieben hat, was die spätere sprachhistorische Einordnung erleichtert.
Häufige Fragen
Woher stammen die meisten deutschen Sprichwörter?
Aus der Bibel, antiken Sammlungen wie Erasmus’ „Adagia“, mittelalterlichen Werken wie Freidanks „Bescheidenheit“ und jahrhundertelanger mündlicher Überlieferung. Auch Luthers Bibelübersetzung von 1534 prägte den heutigen Wortschatz stark.
Wer hat die erste große deutsche Sprichwortsammlung veröffentlicht?
Sebastian Franck 1541 in Frankfurt am Main, mit fast siebentausend Sprichwörtern und Redensarten, teils zweisprachig mit lateinischer Vorlage.
Was ist Wanders Deutsches Sprichwörter-Lexikon?
Ein fünfbändiges Werk von 1867 bis 1880 mit rund 250.000 Einträgen, bis heute das umfangreichste deutsche Sprichwortlexikon.
Wer war Freidank?
Ein vermutlich 1233 gestorbener fahrender Kleriker, dessen Werk „Bescheidenheit“ zu den frühesten deutschen Sammlungen lehrhafter Sinnsprüche zählt.
Entstehen heute noch neue Sprichwörter?
Vereinzelt ja, allerdings seltener als früher, weil mündliche Überlieferung heute mit anderen Medien konkurriert.
Wo kann ich Wanders Lexikon einsehen?
Digitalisiert unter anderem im Deutschen Textarchiv sowie bei Zeno.org und im Internet Archive, alle drei Angebote sind kostenlos und ohne Anmeldung zugänglich.
Quellen
- Wikipedia — Wanders Deutsches Sprichwörter-Lexikon
- Wikipedia — Sebastian Franck
- Deutsches Textarchiv — Wander: Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 1, 1867
Geschrieben von Mira, Redaktion sprichwortatlas.de — sie erklärt hier Redewendungen, ihre Herkunft und ihren Gebrauch.






